sidetitle 2017

„Westfälisches Viagra“ zum Schützenfest

Sassenberg (gl). Wenn Dr. Ansgar Rutte zum Schützenfest in den Sassenberger Brook eilt, hat er stets seine graue Feldarzttasche dabei. Zwar nehmen die Schützenbrüder seine Dienste als Urologe an der Vogelstange eher selten in Anspruch, der Inhalt seiner Tasche hat aber schon so manches Schützenauge freudig glänzen lassen.

Doch dazu später mehr. Natürlich dreht sich in der diesjährigen Reihe „Wir sind Schützenfest“ aus gegebenem Anlass alles um das Corps der Alten Könige. Ein solcher ist Dr. Rutte zwar noch nicht, doch darf er sich seit fast einem Jahr amtierender Schützenkönig in Vohren nennen und steht somit kurz vor der Beförderung zum Alten König.

Sein Bruder Norbert hingegen weiß schon, wie es sich anfühlt, ein ganzes Jahr die Königskette zu tragen, holte der selbstständige Spediteur doch im Jahr 2009 im Brook den Vogel von der Stange und regierte als Norbert II. die Schützen gemeinsam mit seiner Frau Heidrun. So unterschiedlich das Leben der Rutte-Brüder auch verlief, eins eint sie: die Liebe zum Schützenwesen im Allgemeinen und zum Schützenfest im Besonderen. „Das Strahlen in den Augen unserer Großmutter hat uns neugierig gemacht“, sagen beide, nach dem Grund für die Schützen-Affinität gefragt, unisono.

Wenn „Oma Maria“ ihren Enkeln vor ihren Erlebnissen als Mitglied der Throngesellschaft des Jahres 1936 erzählte, „hatte sie dieses Leuchten in den Augen“, erinnert sich Dr. Ansgar Rutte. Dem Grund dafür wollten die Brüder nachspüren. Da traf es sich, dass Oma Maria nicht nur schwärmte, sondern auch in den Geldbeutel griff und zunächst Ansgar (Geburtsjahrgang 1964) und dem anderthalb Jahre jüngeren Norbert jeweils zum 18. Geburtstag Schützenhüte kaufte. So ausgestattet, ging es Richtung Festplatz. Was dort passierte, gefiel den jungen Sassenbergern so sehr, dass sie bis heute kein schöneres Fest kennen als das der Schützen. Dasselbe Leuchten wie in Omas Augen – bei jedem auf dem Platz.
„Während der Feiertage herrscht im Brook und in ganz Sassenberg eine unbeschreibliche Atmosphäre“, sagt Dr. Ansgar Rutte. Sie sei geprägt vom Miteinander, von Freundschaft und Kameradschaft: „Wir sind eine große Familie, die ihr Jahresfest feiert“, stimmt Norbert Rutte zu.

Viel Schönes haben die Schützenbrüder Rutte seitdem erlebt. „Wenn August Budde damals immer die Grüße von Ehrenmitglied Jodokus Scheiper aus den USA verlas, war das Kult und Freude pur“, sagt Ansgar. Er habe Budde gebeten, sollte Scheiper einmal sterben, das letzte Telegramm noch mindestens 30 Jahre lang weiter vorzulesen.

Das tat Budde zwar nicht, aber die Erinnerung an den ausgewanderten Sassenberger, der immer zur Schützenfestzeit an seine Heimat dachte, bleibt. 1995 war es, so erinnert sich Norbert, als Christo den Berliner Reichstag verhüllte – und die Sassenberger Schützen dasselbe mit der Statue von Adam und Eva taten.

„Leider war der Bauhof schneller und entfernte die Hüllen vor dem Umzug wieder“, so Norbert. Doch habe die Presse vorher schon ein Foto gemacht, sodass die Kunst letztlich auch an der Hesselstadt ans Licht der Öffentlichkeit treten konnte.

Viele weitere Erinnerungen wie die „Dienstagsgruppe“, die auch am vierten Tag noch kein Ende finden konnte und die Bäckereien abmarschierten, der Drei-Kilometer-Parademarsch, der früher am Sonntag üblich war oder der 5.45-Uhr-Treff in der letzten Kirchenbank rechts lassen die Ruttes sicher sein: „Ohne Schützenfeste wären wir um viele schöne Stunden unseres Lebens ärmer.“

Was aber macht den Reiz aus, den Schützenthron zu erklimmen? „Der Kampf an der Vogelstange ist Adrenalin pur“, sagt Ansgar. Wenn die Entscheidung dann aber gefallen sei, herrsche Freude pur. Da gebe es weder Neid noch Missgunst, jeder freue sich mit dem neuen Regenten, der sein Amt schließlich im fairen Wettstreit errungen habe. „Als ich nach meinem Königsschuss in die vielen strahlenden Gesichter rundum sah, wusste ich, dass ich nichts als Freude geben und nehmen konnte, und das macht glücklich und zufrieden“, sagt Norbert.

Ein Schützenkönig sei schließlich, trotz des royalen Titels, keine Respektsperson, sondern ein Regent zum Anfassen, ein Machhaber, der sein Volk traditionell mit auf den Thron hebe. Eine Tradition ist auch Dr. Ansgar Rutte selbst im Brook geworden.

Und da kommt die Feldtasche ins Spiel. Eines schönen Schützentags wurde er, wohl mehr im Spaß, gefragt, ob er als Mediziner nicht „ein paar von diesen blauen Pillen“ für die Schützen besorgen wolle. Das wollte der Urologe zwar nicht, doch entschied er sich für ein anderes Angebot: „Westfälisches Viagra“.

Und so führt er in besagter Tasche neben einem scharfen Messer stets Mettwurst und Schinkenspeck mit sich, die er auf dem Schützenplatz gern mit seinen Kameraden teilt. Und erntet zum Dank jene strahlenden Augen, die er von seiner Oma kennt.

Quelle: "Die Glocke" vom 15.06.2015  /  Text & Foto: Austrup